Volksstimme-Interview: Corona-Krise zeigt, wie wichtig Vereine sind (Teil 1)

Der Wernigeröder SV „Rot-Weiß“ e.V. ist mit etwa 1.500 Mitgliedern der größte Sportverein im Harzkreis. Vor dem Hintergrund der COVID 19-Pandemie unterhielt sich Volksstimme-Redakteur Ingolf Geßler mit dem Vereinspräsidenten André Boks und Vereinskoordinator Mario Vordank über die aktuelle Situation.

André Boks (rechts), Präsident des Wernigeröder SV Rot-Weiß, und Vereinskoordinator Mario Vordank stellten sich den Fragen des Harzer Sportkuriers zur aktuellen Situation im Verein (Foto: Ingolf Geßler)

Die COVID 19-Pandemie hat den Sport seit dem Frühjahr fest im Griff. Wie wirkt sich das auf die Arbeit im mitgliederstärksten Verein des Harzkreises aus?

André Boks: Über die Corona-Krise kann man ja tatsächlich nur fassunglos sein. Wenn ich so überlege, was dies auch für die Vereins­tätigkeit bedeutet. Wir sind nicht so wichtig wie die Wirtschaft oder Gesundheit. Aber gerade die Zeit ab März mit der ersten Welle, in der es auch die Schulschließungen gab und die ja fast bis zu den Sommerferien andauerte, hat gezeigt, wie existienziell ein geregeltes Vereinsleben gerade für Kinder und Jugendliche ist. Es gab in dieser Phase Eltern, die uns regelrecht mit Anfragen bombadiert haben, wie und wann es weitergeht. Ein Verein, der nicht so groß und nicht so strukturiert ist und keine Geschäftsstelle hat, die sich darum kümmern kann, dürfte da schnell an seine Grenzen stoßen.

Wie weit gingen die Anfragen im ersten Lockdown?

André Boks: Das hatte teilweise fast schon etwas von Verzweiflung. „Wie bekommen wir das mit den Kindern hin, so den ganzen Tag im Neubau?“ Das klingt zwar wie ein Klischee, ist letztlich aber so. Es gab ganz viele Beispiele, die deutlich gemacht haben, wie das Vereinsleben den Kindern fehlt. Gerade bei den sehr ambitionierten, kinderlastigen Abteilungen wie Floorball, Fußball und auch Boxen, wo mittlerweile kleinere Kinder dabei sind. Überall, wo die Leute gern hingehen, wo es ein fester Anlaufpunkt ist. Da bricht für viele etwas weg und sie wissen oft nichts mit sich anzufangen. Das meine ich gar nicht negativ. Ich habe es vor allem in der ersten Lockdown-Phase oft gesagt: Es ist gut das einmal deutlich wird, wie wichtig die Vereine als Pendant zur Schule für die ganze Struktur des Lebens für Kinder und Jugendliche eigentlich sind. Und da meine ich nicht nur den Sport, bei einer Musikschule ist es genauso. Die Eltern sind mehr und mehr damit überfordert, eine normale, tägliche Nachmittagsbeschäftigung zu organisieren. Und da sind wir als Verein gefordert. Wenn alles an dieser Situation Mist ist, brachte sie doch diese wichtige Erkenntnis. Und da müssen Vereine deutlich mehr unterstützt werden.

Damit ist die Wertschätzung der ehrenamtlichen Übungsleiter angesprochen?

Mario Vordank: Natürlich bekommen wir für jeden Übungsleiter eine feste Förderung vom LandesSportBund. Aber im Prinzip steht es nicht im Verhältnis zu dem, was die Übungsleiter auch Jahr für Jahr leisten. Zumal wir ja auch an den LandesSportBund Abgaben in Größenordnungen leisten.

André Boks: Man sieht es bei gut ausgebildeten Übungsleitern, so wie es aktuell bei den Boxern in unserem Verein der Fall ist, die auch Jungs von der Straße gut in den Griff bekommen. Oder die Floorballer mit ihrer großen Jugendabteilung, was da an Wertschätzung geleistet wird. Damit meine ich nicht nur die sportliche Ausbildung, sondern auch die Wesensbildung. Da hat ein Verein ja einen ganz anderen Zugriff, als die Schule. Das funktioniert nicht, ohne die entsprechend ausgebildeten Übungsleiter, die auch eine gewisse Infrastruktur an die Seite bekommen müssen. Wenn die Floorball-Abteilung von der Stadt nicht so gut mit Hallenzeiten ausgestattet wäre, wäre es in dieser Professionalität nicht durchführbar. Das müsste alles noch konsequenter unterstützt werden.

Du sprichst die Stadt Wernigerode als wichtigen Partner des Vereins an. Wie war die Zusammenarbeit gerade in der unsicheren Corona-Zeit?

André Boks: Generell arbeiten wir mit der Stadt wunderbar zusammen. Sie wissen, was sie an uns haben, wir decken ja eine relativ große Palette ab. Wir wissen natürlich auch, was wir an der Stadt haben. Bei dieser Dichte in Wernigerode, gerade auch bei den Hallenzeiten. Es gibt ja auch einige Vereine, die gar nicht berücksichtigt werden können. Da sind wir, auch was die Anzahl der Hallen angeht, gesegnet.

Mario Vordank: Frau Lisowski, Frau Dalichow und Frau Bomeier, die für den Bereich Sport bei der Stadt zuständig sind, haben nach dem ersten Lockdown gleich im Mai sofort reagiert und versucht, den Vereinen in der Region den Sport zu ermöglichen. Das Sportforum oder die Schanzen, wo wir Treppenläufe machen konnten, wurden geöffnet. Es war auch immer eine lösungsorientierte Diskussion vorhanden, auch jetzt nach dem zweiten Lockdown im Herbst. Es wurde immer nach Lösungen gesucht. Was können wir für die jeweilige Abteilung machen? Kommen wir vielleicht in Kleingruppen in die Halle? Sie haben nie blockiert, sondern versucht, im Interesse des Sports mit den Vereinen Lösungen zu finden.

Das bedeutet auch für die Geschäftsstelle jede Menge Arbeit?

André Boks: Ich frage mich ernsthaft, wie das andere Vereine hinbekommen. Wir mussten ja für jede Abteilung ein Hygienekonzept erstellen, weil es auch von Verband zu Verband unterschiedlich ist. Das hat Mario koordiniert und war damit Tage beschäftigt. Wenn ich mir kleinere Vereine auf dem Land vorstelle, wo der Vorsitzende häufig noch Übungsleiter ist und andere Aufgaben hat: Wie soll das gehen? Ein Beispiel ist Anja Wagner, die sich mit der Fußballabteilung vom MSV Wernigerode unserem Verein anschloss, weil sie gesagt hat, sie schafft es einfach nicht mehr. Obwohl sie beim MSV bemüht waren, für Entlastung zu sorgen. Das könnte ich mir in unserem Verein von der Struktur gar nicht mehr anders vorstellen.

Hat sich die Corona-Pandemie in den Mitgliederzahlen ausgewirkt?

Mario Vordank: Wir versuchen relativ viel intern zu kommunzieren, die Mitglieder auch zu informieren. Wir hattern auch im März gleich mit einem Rundschreiben reagiert und auch an die Solidarität appelliert, damit gar nicht erst diese Gedanken aufkommen. Trotz der schwierigen Situation, in der viele Abteilungen über einen großen Zeitraum pausieren mussten, sind die Mitgliederzahlen über das Jahr hinweg fast konstant geblieben. Waren es zu Beginn des Jahres 1505 Mitglieder, so werden es zum 31. Dezember 1472 und damit nur knapp 35 weniger sein.

André Boks: Angesichts der Krise hätte ich Schlimmeres befürchtet. Die Eltern der Kinder würden nicht im Traum auf die Idee kommen, die Mitgliedschaft zu kündigen. Weil sie das Leben als Verein verinnerlicht haben. Man hat aber auch gerade jetzt in der Pandemie einige wenige unfaire Leute dabei, da fasst man sich an den Kopf. Was verstehen die unter Verein? Leute die erwachsen sind, die gerade im Trendsport mehrmals die Woche Angebote nutzen können. Die dann aber meinen, sie müssten ein Sonderkündigungsrecht ausüben, weil ja kein Angebot laufen würde. Denen man tausendmal sagt: „Begreift Ihr eigentlich nicht, dass wir alle der Verein sind? Was denkt Ihr denn, wer Euch das Angebot vorhalten soll?“ Da wird der Verein mit seinem hochwertigen Kurssystem oftmals einfach nur als kostengünstigere Alternative zum Fitnessstudio gesehen.

Mario Vordank: Das wird vor allem im Trendsport bei mehr als 30 Kündigungen sichtbar. Es gibt auch gesundheitliche oder anderweitige Gründe, aber es gibt einige, die sagen „Wenn ich hier nicht trainieren kann, trete ich aus!“

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